Im Sog der Totalität
- Gabor Tallai
- 2025. nov. 19.
- 18 perc olvasás

„Man kann die Intelligenz eines Menschen daran ablesen, wie viel Unsicherheit er aushält.“
„Ich glaube an die Wahrheit, doch meine Mutter ist mir wichtiger.”
Albert Camus
Freiheit. An diesem Wort, diesem Begriff haftet für einen Ungarn und den Bürgern Ost- und Mitteleuropas nicht der kleinste Hauch von Abstraktion. Freiheit ist für uns zum Beissen, wie das Brot. Als die kommunistische Diktatur nach einem halben Jahrhundert endlich zerfiel, das sowjetische Reich – wie durch einem Zauber – seine erstickende Konturen verlor, war es in den Augen der Ost- und Mitteleuropäer ein langersehnter, wundervoller Moment der Rückkehr. Rückkehr zur Normalität, Rückkehr in die nie vergessene Welt von Möglichkeiten, Rückkehr zur wahrhaften Selbstbestimmung, sowie zur fassbaren, persönlichen Verantwortung – also eine Rückkehr in die Welt der Vorväter. Auch die Geschichte selbst ist von den Völkern jenseits des einstigen Eisernen Vorhanges nie als jedwede Form einer Abstraktion perzeptioniert worden, sie ist geblieben, was sie in Wirklichkeit immer war und sein wird: die Geschichte der Ahnen, Eltern, Verwandten, Freunde und Mitglieder der auf historischen Boden erwachsenen kulturellen-nationalen Gemeinschaft. Redet ein Politiker, ein Historiker in Warschau oder in Budapest über den Verlust an Souveränität, über Besetzungen des jeweiligen Landes durch Fremdmächte, über den Holokaust, über den Gulag, über Zwangsvertreibung, Kollektivisierung, über Verstaatlichung des Privateigentums, über die auf menschenfeindlichen Ideologien basierende Vernichtung, Verfolgung und Ausgrenzung von Mitbürgern, über das Schwinden der Meinungsfreiheit, über den vehementen Hass unserem christlichen Glauben und den aus ihm ableitbaren, aus ihm entwachsenen Werten gegenüber, also über die Zerstörung des Individuums par excellence, so sind es für die Meisten von uns knallharte Schicksals- und Familiengeschichten. Das ertragene Leid hat nichts substiles, es ist so konkret, dermassen fassbar, dass viele unserer Landsleute auch noch Heute mit Tränen kämpfen oder voller Wut die Fäuste ballen.
Genauso müsste es im Falle des wiedervereinten Deutschlands sein. Ihre Nation gehört nämlich ebenfalls zu den härtesten Freiheitskämpfern Europas. Deutsche antikommunistische Helden waren es, die als erste im Sommer 1953, kurz nach dem Tode Stalins dem Sowjetreich die Stirn boten. Sie verlangten nach freien Wahlen, 1400 politische Gefangene wurden aus ihren Zellen befreit, in 650 Ortschaften kam es zu massiven Protestwellen! Werden die Namen dieser Männer und Frauen samt ihrer Schicksalsgeschichten unterrichtet? Fünfzig Freiheitskämpfer wurden ermordet, 13 Tausend kamen ins Gefängnis, minimum 1600 wurden verurteilt. Wie viele Strassen, Plätze sind Heute nach ihnen benannt? Ich weiss, in Berlin gibt es die Strasse des 17. Junis, doch wie viele Strassen und Plätze kennen sie, welche die die Namen antikommunistischer Helden in die Zukunft tragen? Liest man nur auf der Hompage der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen die Liste inhaftierter, hingerichteter DDR-Bürger samt Biographien, bekommt man ein ähliches Bild, wie im Falle Ungarns. Neben den vielen „von Haus aus”-Antikommunisten sind in hoher Zahl auch ehemalige Beführworter, Mitarbeiter des Terror-Regimes zu Freiheitskämpfern geworden, ihre Schicksalsgeschichten sind der massive Beweis für unbrechbare ethische Maximen unserer Kultur, für demokratische Entschlossenheit und für das ewige Verlangen nach Gerechtigkeit im ursprünglichem Sinne.
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